Monokultur - Alternative für Andi (Paperback)

Roman
ISBN/EAN: 9783862825356
Sprache: Deutsch
Umfang: 204 S.
Format (T/L/B): 1.5 x 19 x 12.5 cm
Einband: Paperback
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Spätsommer in Deutschland. Andi Locher kämpft mit dem Nieselregen und versucht, die Erinnerungen an seine gescheiterte Beziehung und die Frustration über sein Dasein als Wochenend-Papa in einer losen Affäre zu ertränken. Als Übersetzer verdient er kaum genug, um seine Miete zu bezahlen. Einzig das Feierabend-Bier mit seinem Nachbarn Rachid, einem geflohenen Marokkaner, bringt ein paar Lichtblicke in seinen Alltag. Unverhofft tut sich eine große Chance auf, als die rechtspopulistische Partei Direkte Demokratie ihm einen lukrativen Auftrag anvertraut. Er soll eine Präsentation der französischen Force Nationale übersetzen. Vom Geld geködert, engagiert Andi sich für die Sache der Extremisten. Widerstandslos lässt er sich vor den Karren der Flüchtlingshasser spannen und wird in einen Strudel aus Manipulation und Bestechung gezogen, der unweigerlich in die Katastrophe führen muss. Erst als es zu spät ist, erkennt Andi seinen Fehler. Ein gesellschaftspolitischer Roman über Schuld, Gleichgültigkeit und die leise Ahnung, dass der Nazi von heute Hawaii-Toast isst und sich IKEA-Duftkerzen aufs Sideboard stellt.
Johannes Finkbeiner wurde 1978 in Leonberg geboren. Obwohl eine Karriere als Fußball-Kommentator vorgezeichnet schien, ging er schließlich für ein Übersetzer-Studium nach Düsseldorf. Nach ein paar Jahren des Herumkrebsens zwischen Rhein und Rhône hieß die letzte Ausfahrt Südfrankreich. Heute lebt der Autor in der Nähe von Marseille und unterrichtet seine Lieblingssprache: Deutsch. Sein literarisches Debüt "Das leise Kratzen in der letzten Rille" (2014) wurde mit dem Samiel Award für den besten Schurken ausgezeichnet. "Monokultur" ist sein zweiter Roman.
1 Ende August, der Sommer war mal wieder lauwarm und verregnet gewesen, trat Andi Locher aus dem heruntergekommenen Etagenhaus, in dem er bei einer mafiösen Agentur namens Schröder Consult zu einem Wucherpreis ein Einzimmerappartement mietete, in die grau verhangene Gehwegtristesse von Düsseldorf-Flingern. Er hätte eigentlich seine Freundin treffen sollen - sie waren um neun in einem Café verabredet, und es war schon Viertel nach -, aber anstatt sich zu beeilen und in Richtung Birkenstraße zu gehen, schlurfte er nur matten Schrittes über die Wehrhahnbrücke und stellte sich unentschlossen an den Tresen einer Trinkhalle. Er bestellte ein Bier und dachte trinkend, dass er ihr theoretisch noch schnell eine SMS schicken könnte - eine kleine Notlüge würde ihm schon einfallen. Doch dann schaltete er einfach sein Handy ab. Seine Beziehung zu Melanie war an Oberflächlichkeit nie zu überbieten gewesen. Sie hatte mit einem One-Night-Stand an Silvester angefangen, war dann in eine Art Langzeittest übergegangen und hatte sich schließlich irgendwo dazwischen zerfasert. Andi hätte gerne weiterhin einfach hier und da einen weggesteckt, Melanie dagegen wollte gerne etwas 'Ernsteres', wie sie es nannte. Sie hatten sich nie einigen, aber auch nie endgültig trennen können, so dass eben dieses komische Pseudo-Beziehungsding dabei rausgekommen war. Er wusste einerseits genau, dass er sich sehr komfortabel in dieser Zwischenzone eingerichtet hatte und ebenjenen Komfort durchaus vermissen würde, andererseits war ihm ihr treuseliges Gerede von Harmonie und Zweisamkeit aber derart suspekt, dass es ihn buchstäblich abschreckte. Leicht schaudernd leerte er sein Bier und überflog die Bild-Zeitung. 'Unerhört: Frau goss Mann Atom in den Kaffee!' Frau Gassmann - die Schlagzeile ließ ihn an seine Nachbarin aus dem Nebenhaus denken. Andi fragte sich, ob es wohl ein besonders schlechtes Zeichen war, dass er ausgerechnet an Frau Gassmann dachte, während Melanie auf ihn wartete, aber irgendwie passte der Gedanke ins Bild. Frau Gassmann hatte ihn vor wenigen Tagen auf Facebook eingeladen, ihr Freund zu werden. Er hatte reflexartig akzeptiert, und nun wurde er, ob er es wollte oder nicht, über allerhand uninteressanten Plunder auf dem Laufenden gehalten, beispielsweise die Großkundgebung irgendeiner politischen Bewegung oder sowas in der Art, deren Gründer offenbar Ulf Gassmann war. Andi fiel auf, dass er zwar den Vornamen von Frau Gassmanns Mann kannte, ihren aber nicht. Auf Facebook nannte sie sich 'Giga-Byte', was Andis Fantasie allerdings deutlich überstieg. Gisela vielleicht, das würde passen, dachte er. Ulf und Gisela Gassmann. Er gab die Flasche zurück, kaufte noch zwei Pilsener für zu Hause und ging schließlich wieder die Hindenburgstraße hinunter. Als er das Treppenhaus betrat, überkam ihn noch einmal kurz so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Er wäre fast doch noch ins Beethoven gegangen, aber dann dachte er an den vorhersehbaren Ablauf des Abends und entschied sich endgültig, Melanie sitzen zu lassen. Ein bisschen Sex konnte ihn heute definitiv nicht für drei Stunden Harmoniegelaber entschädigen. Vielleicht machte sie ihm ja endlich mal eine Szene, dann war es das eben, scheiß drauf. Dringlicher schien ihm, am nächsten Morgen halbwegs ausgeschlafen auf der Arbeit zu erscheinen, denn seine Chefin war weitaus weniger nachsichtig als Melanie. Seine Stelle bei der Übersetzungsagentur Dressler Sprachendienst war mit immerhin tausendvierhundert Euro im Monat bezahlt, das war der absolute Toptarif, seit er nach dem Abschluss seines Romanistik-Studiums auf der Suche nach Jobs in den abwegigsten Branchen herumkrebste. Nach einer quälend langen Zeit als Praktikant war Andi vor Kurzem zum Trainee befördert worden. Dies brachte ihm zwar nach knapp einjähriger Durststrecke endlich wieder ein Gehalt ein, von dem er gerade so leben konnte, allerdings änderte es nichts an der Tatsache, dass er als Arbeitnehmer nicht voll anerkannt wurde und laut Vertrag kaum Recht